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Statements

Im folgenden finden Sie drei Statements zum Leitbild einer artgerechten Nutztierhaltung unter Bezugnahme auf die diesjährigen Preisträger, die von Spitzenvertretern der Allianz für Tiere auf der Preisverleihung des Pro Tier-Förderpreises vorgetragen wurden:

 

I. Statement aus Sicht des Tierschutzes: Wolfgang Apel, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes e.V.
II. Statement aus Sicht des Umwelt- und Naturschutzes: Dr. Angelika Zahrnt, Vorstandsvorsitzende des Bund für Umwelt und Naturschutz e.V. (BUND)
III. Statement aus Sicht des Verbraucherschutzes: Prof. Dr. Edda Müller, Vorstand Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. (vzbv)

 

 

I: Wolfgang Apel (Deutscher Tierschutzbund)

 

Sehr geehrte Preisträger,

liebe Allianzpartner,

sehr verehrte Damen und Herren,

 

Die Bundesregierung ist angetreten, um die Agrarpolitische Wende einzuleiten und einer tiergerechten bäuerlichen Landwirtschaft eine Chance zu geben. Die Allianz will mit dem Förderpreis für artgerechte Nutztierhaltung mitwirken und Impulse setzen. Die Preisträger, die wir heute ausgezeichnet haben, leben in einer bäuerlichen Landwirtschaft mit einer artgerechten Tierhaltung. Sie alle haben sich Gedanken über die Bedürfnisse ihrer Tiere, unserer Mitgeschöpfe gemacht und gute und erfolgreiche Lösungen im Interesse von Mensch, Tier und Umwelt umgesetzt.

 

Nach langem, hartem Kampf und mit Unterstützung der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung konnten wir 2002 das Verbot der Legehennenhaltung in Käfigen erreichen. Doch offenbar fehlt es in den Ländern deutlich am politischen Willen, die Hühner tatsächlich aus den Käfigen zu befreien. Inzwischen zeichnet sich mehrheitlich das Bestreben ab, so genannte EU-konforme ausgestaltete Käfige wieder zuzulassen. Vielleicht in der Hoffnung, dass die Bevölkerung diesen Rückschritt dann nicht wahrnimmt, sprechen beispielsweise die Landwirtschaftsminister von Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern, aber auch der Tierschutzbeauftragte der SPD, Dr. Priesmeier, von angeblich tiergerechter Kleingruppenhaltung. Im Gegensatz dazu würden Boden- und Freilandhaltung von Geflügel große Tierschutzprobleme bereiten.

 

Lassen Sie mich hier ganz aktuell den einstimmigen Beschluss der Bundestierschutzkommission von gestern anfügen: die Tierschutzkommission sieht derzeit keinen Anlass, den zustimmenden Beschluss vom 28. Mai 2001 zur Hennenhaltungsverordnung in Frage zu stellen und fordert Bund und Länder auf, keine Änderungen an diesem Abschnitt der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung vorzunehmen. Bund und Länder werden aufgefordert, die Forschungsanstrengungen zu erhöhe und verstärkt Mittel für die Erforschung alternativer Haltungssysteme zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig wird eine verstärkte Forschungskoordination zwischen Bund und Ländern angemahnt.

 

Es freut mich daher ganz besonders, dass wir heute den 1. Preis der Allianz an einen Geflügelbetrieb vergeben können. Die Tierhaltung hier funktioniert, wie wir uns mit eigenen Augen ansehen können, hervorragend. Und nicht nur das. Den Tieren wird auch der qualvolle Weg zum Schlachthof erspart. Und noch ein Vorurteil wird hier abgebaut: die Produkte finden den Weg zu Wochenmärkten, Großküchen und in den Handel und ganz offenbar gibt es auch genug Verbraucher, die diese Produkte honorieren. Ich denke, hier wird deutlich, dass, wenn die Bürger wirklich erfahren können, warum ein Produkt seinen Preis hat und dies etwas mit ethisch-moralischen Werten zu tun hat, dann sind die Bürger auch bereit, mehr Geld zu zahlen.

 

Dies trifft auch für die Produkte der Familie Duensing-Knop zu, die in ihrem konventionell wirtschaftenden Betrieb besonderes Augenmerk auf das Wohlergehen ihrer Schweine richten. Über die Auszeichnung der Familie Duensing-Knop, die nach den Richtlinien des Neuland-Vereins wirtschaften, freue ich mich auch deshalb ganz besonders, weil der Neuland-Verband vor 15 Jahren, nicht zuletzt unter aktiver Mitwirkung des Deutschen Tierschutzbundes und dem Allianzmitglied BUND, als Gegenkonzept der zur damaligen Zeit zwar nach ökologischen, nicht jedoch nach tiergerechten Kriterien arbeitenden Ökobetriebe entwickelt wurde. Auch die Schweinehaltung hat eine aktuelle politische Dimension.

 

Ende dieser Woche diskutieren die Agrarminister der Bundesländer in der Agrarministerkonferenz in Rostock über den Entwurf einer Schweinehaltungsverordnung, den die Bundesregierung vorgelegt hat. Statt nun darüber zu beraten, wie man aus dem schwachen Ansatz der Bundesregierung ein paar Zentimeter hier und ein paar Zentimeter da, doch nach wie vor kein Stroh, keine Liege- und Aktivitätsbereiche, kein Auslauf, weiter verbessern kann, wird es darum gehen, die noch schlechteren Vorgaben der Europäischen Union 1:1 umzusetzen. Das bedeutet auf unabsehbare Zeit weiterhin in der deutschen Landwirtschaft eine überwiegend nicht-tiergerechte Schweinehaltung. Umso wichtiger auch hier die Vorbildfunktion der Familie Duensing-Knop.

 

Für die Rinderhaltung - und hier bin ich bei dem nächsten Preisträger, der Familie Till – gibt es noch gar keine umfassenden rechtlichen Grundlagen in Deutschland. Bestechend ist hier, auch aus der Sicht des Tierschutzes, das Gesamtkonzept der Tierhaltung in Verbindung mit der Vermarktung. Im Rahmen eines solchen Konzeptes ist es möglich, die Kühe nur einmal am Tag zu melken und trotzdem profitabel zu wirtschaften. Dadurch, dass die Kühe nur einmal am Tag gemolken werden, können die Kälber über einen längeren Zeitraum säugen mit erstaunlichen Effekten: die Kälber werden ihren Bedürfnissen entsprechend ernährt, Eutererkrankungen sind auf dem Rückzug und die Familie hat mehr Freizeit. Noch deutlicher kann das Motto „Tierschutz ist Menschenschutz“ nicht als praktisches Beispiel übersetzt werden.

 

Die Fischzucht als Tierschutzproblem ist sicher nicht im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Doch de facto ist die Massentierhaltung unter Wasser ein großes Problem und eines, mit dem wir in Zukunft noch viel stärker konfrontiert sein werden, nicht zuletzt als Konsequenz aus den zunehmend leergefischten Meeren. Die ökologische Fischzucht der Familie Bothstede, auch wenn es zunächst die Süßwasserfische sind, ist daher bei deutlich geringerer Besatzdichte als in der konventionellen Fischzucht ein wichtiges Signal für den Tierschutz.

 

Ich freue mich jedenfalls, dass wir heute mit der Verleihung des Förderpreises der „Allianz für Tiere in der Landwirtschaft“ für den Umgang mit den Mitgeschöpfen, die der Mensch für seine Bedürfnisse nutzt, wichtige Impulse setzen konnten und wünsche mir nichts mehr, als dass diese Musterbetriebe den heute noch tierunfreundlich wirtschaftenden landwirtschaftlichen Betrieben Mut machen, ebenfalls im Umgang mit unseren Mitgeschöpfen neue Wege zu gehen.

 

 

II. Dr. Angelika Zahrnt (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland - BUND)

 

Sehr geehrte Preisträger,

liebe Allianzpartner,

sehr verehrte Damen und Herren,

 

„Wann habe ich das letzte Mal ein Huhn gesehen?“ – eine Frage, die bei 50 Millionen Legehennen, 49 Millionen Masthähnchen und 8 Millionen Puten in Deutschland eigentlich mit einer kurzen Frist beantwortet werden sollte. Tatsache ist aber, dass wir unsere Nutztiere selten oder gar nicht zu Gesicht bekommen. Auch die 26 Millionen Schweine können wir zum Beispiel unseren Kindern kaum einmal zeigen, weil 99 Prozent von ihnen ohne Auslauf in Hochleistungsställen gehalten werden.

 

Die Nachfrage nach Fleisch aus Bio - oder Neuland -Erzeugung ist in den letzten Jahren zwar stetig gestiegen. Diese positive Tendenz darf aber über eines nicht hinwegtäuschen: Alle Fleischskandale, alle gesellschaftliche Empörung über den Umgang mit unseren landwirtschaftlichen Nutztieren haben nichts daran geändert, dass die nach industriellen Maßstäben betriebene Tierproduktion immer noch die Regel und die alternative Fleisch-Erzeugung immer noch die Ausnahme darstellt.

 

„Erzeugerpreise kräftig gesunken, Verbraucherpreise leicht rückläufig“ heißt es in der Stellungnahme des Sachverständigenausschusses zur Viehzählung 2002. In diesem Jahr weichen die Preise, die den Landwirten ausbezahlt werden, noch weiter vom Niveau der Verbraucherpreise ab: Die Discounter, allen voran Aldi und Lidl, haben zahlreiche Frisch-Fleischprodukte in ihre Selbstbedienungstheken aufgenommen. Die Verbraucher haben das neue Angebot gern angenommen. Das bedeutet für die Landwirte in Deutschland Preisverfall - bestimmt durch die Marktmacht der Billigketten. Preisverfall übrigens auch für Bioprodukte, weil deren Preis nicht allzu weit über dem für konventionelle Erzeugnisse liegen kann.

 

Aber können Bauern noch mehr Tiere auf noch engerem Raum halten und zu noch mehr Leistung hochzüchten? Eine Studie des BUND im vergangenen Jahr hat ergeben, dass zahlreiche große Tierhaltungen mit Zehntausenden von Legehennen und Mastschweinen beantragt und gebaut werden. Oftmals nicht von Bauern, sondern von kommerziellen Betreibern. Hühnerbaron Pohlmann war einer von ihnen. Diese Firmen kompensieren jede Preissenkung durch den Bau immer größerer Ställe. Wenn diese hierzulande nicht genehmigt werden, investieren sie woanders und bringen Eier und Fleisch wieder hier auf den Markt. Das geht mächtig auf Kosten der Umwelt: immer mehr Transporte mit Jungtieren, Futter, Exkrementen, Schlachttieren und Eiern rollen über Land.

 

Wie die Alternative dazu aussieht, dass sehen wir heute hier auf dem Betrieb der Familie Schmid: Legehennen, Masthähnchen, Enten, Gänse und Puten im Freiland sehen Tageslicht und wir können die Tiere betrachten. Bei allen Preisträgen kommt heimisches Futter in den Trog. Auch diese praktizierte Regionalität ist aktiver Umweltschutz. Ganz im Gegenteil zu der riesigen Menge von 17 Millionen Tonnen Soja, die jährlich als Viehfutter nach Europa importiert werden.

 

Wie gut Umwelt- und Tierschutz miteinander verknüpft werden können, das zeigt uns auch Familie Bothstede aus Schleswig-Holstein mit ihrer ökologischen Fischfarm. Während Umweltverbände mit dem Probleme konfrontiert ist, kaum noch Siegel für nachhaltige Fischerei ausgeben zu können, weil es keinen nachhaltigen Fischfang in überfischten Gewässern geben kann, setzt die Teichwirtschaft unseres Preisträgers neue ökologische Maßstäbe für naturnahe Fischzucht- und –haltung.

 

Der BUND beglückwünscht die Familien der Preisträger und besonders auch ihre Kundinnen und Kunden, denn gemeinsam kennzeichnen sie den Einstieg in den Ausstieg aus der industriellen Tierproduktion.

 

 

III. Prof. Dr. Edda Müller (Verbraucherzentrale Bundesverband - vzbv)

 

Sehr geehrte Preisträger,

liebe Allianzpartner,

sehr verehrte Damen und Herren,

 

die Arbeit in der Allianz für Nutztiere hat bereits viele positive Ergebnisse hervorgebracht. Ein Highlight ist sicherlich der heute erstmals verliehene Pro Tier-Förderpreis für artge-rechte Nutztierhaltung. Das Einzigartige an diesem Preis und dieser Prüfung ist, dass In-novationen für eine artgerechte Tierhaltung, verbunden mit Ansätzen zur Verbesserung des Umwelt- und Verbraucherschutzes prämiert werden. Daher freue mich außerordentlich, dass die Preisverleihung heute auf dem Betrieb des Hauptpreisträgers stattfindet – sozusagen mit dem Blick durch die Verbraucherbrille direkt vor Ort.

 

Eine große Mehrheit der Verbraucher will, dass Tiere in der Landwirtschaft artgerecht gehalten werden. Aus Umfragen wissen wir, dass 80 Prozent der Verbraucher artgerecht erzeugtes Fleisch bevorzugen. Weitere nationale und europaweite Umfragen belegen, dass Verbraucher eine artgerechte Tierhaltung als vorrangige Aufgabe der Landwirtschaft ansehen. Dennoch klafft eine große Lücke zwischen der großen Akzeptanz dieser Haltungsformen und dem nachgefragten Volumen so erzeugter Produkte. Zwar ist die Nachfrage nach Bio- oder Neuland -Fleisch und Produkten aus einer tiergerechteren Landwirtschaft in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Zugenommen hat jedoch auch die Nachfrage nach billigen Lebensmitteln in den Supermärkten. Woran liegt das? Und warum investieren nicht mehr Landwirte in eine artgerechtere Form der Tierhaltung?

 

Bisher fehlen in der Fleischwirtschaft klare Vorgaben, um den Verbrauchererwartungen nach artgemäßeren Haltungsbedingungen und mehr Tierschutz zu entsprechen. Verbraucher müssen besser nachvollziehen können, aus welcher Tierhaltungsform ein Produkt stammt. So existiert bisher nicht einmal eine EU-weit gültige Definition einer artgerechten Nutztierhaltung. Dies ist jedoch die Voraussetzung, damit Verbraucher sich orientieren und Hersteller sich gegenüber ihren Mitkonkurrenten abgrenzen können. Nur dann zahlt sich für die Betriebe ein entsprechender Mehraufwand aus. Wichtig ist zudem, dass bereits geschützte Begriffe in der Tierhaltung und die damit verbundenen Haltungskriterien (etwa im Bereich Mastgeflügel) stärker kontrolliert und Vollzugsdefizite in der Lebensmittelüberwachung abgebaut werden.

 

Weitere Eckpfeiler, um die Akzeptanz und die Nachfrage nach artgerechter Erzeugung zu fördern, sind eine transparente Erzeugung, eine stärkere regionale Vermarktung und vor allem eine verbindliche Kennzeichnung. Diese muss über die bereits bestehenden verbraucherrelevanten Kennzeichnungsregelungen hinausgehen, um dem Verbraucher eine ethisch-verantwortungsvolle Kaufentscheidungen zu ermöglichen. Wir fordern eine „Standard-Etikettierung“, die verbindliche Mindestangaben zur Herkunft, Fütterung, Mastdauer, Haltungsformen usw. vorgibt.

 

Hierzu haben die Verbraucherzentralen im Rahmen einer Untersuchung von Marken-fleischprogrammen einen umfassender Bewertungskatalog mit Mindest- und Zu-satzkriterien für die Erzeugung von Rind-, Schweine- und Geflügelfleisch erstellt. Auf Basis dieses Katalogs werden die Verbraucherzentralen ein Bewertungsraster für Markenfleischprogramme erarbeiten und damit entsprechenden Marktchecks durchführen. Dies ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Verbesserung der Haltungsbedingungen von Nutztieren und zu mehr Vertrauen und Zuspruch der Verbraucher.

 

Der einfachste Weg, um Verbrauchervertrauen aufzubauen ist ein enger Kontakt zwi-schen Erzeugern und Verbrauchern. Die heute ausgezeichneten Betriebe zeigen, wie dies funktionieren kann. Sie – verehrte Preisträger – brauchen sich nicht zu verstecken, wenn Verbraucher ihren Betrieb unangemeldet besichtigen wollen.

 

Ich bin davon überzeugt, dass Ihre Innovationen eine Orientierung für weitere Betriebe geben können. Man kann nur hoffen, dass immer mehr Ihrer Kolleginnen und Kollegen die Vorzüge einer artgerechten Tierhaltung erkennen, in der auch Verbraucherschutzaspekte be-rücksichtigt werden. Vielleicht sind dann in nicht mehr allzu ferner Zukunft die Voraussetzun-gen geschaffen, damit 80 Prozent der Verbraucher artgerecht erzeugtes Fleisch nicht nur in Umfragen bevorzugen, sondern dieses auch in den Einkaufskörben und auf den Tischen landet.

 

Ich gratuliere den Preisträgern noch einmal auf das Herzlichste und wünsche Ihnen für Ihre weitere Arbeit viel Glück und Alles Gute.

 

 


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